Essay zu 25 Jahren Mauerfall: Die Revolution frisst ihre Bananen

Zum großen Jubilieren über den Mauerfall vor 25 Jahren habe ich mal einen Essay für die Zeitungsgruppe Lahn-Dill getextet, den auch der Mannheimer Morgen übernommen hat.

Die Revolution frisst ihre Bananen

Von Reimund Schwarz

Vor zwei Wochen schmolz das ganze Brimborium um den Mauerfall kurzzeitig auf ein handliches Format zusammen. Dirk Fröhlich, Dresdner Wort-, Bild- und Klangkünstler, regte an, das Wort „Wende“ doch mal durch „Rechtschreibreform“ zu ersetzen. Statt welterschütternder Umwälzung nur ein kleines Reförmchen?

Die betulich-sächsische Kunstwelt im Saal eines Gasthauses in Moritzburg blieb gelassen. Auch dass Fröhlich außer einem stechenden Blick ins Publikum keine Antwort auf die Frage lieferte, was sich nun seit der „Rechtschreibreform“ so in seinem Leben geändert habe, hob das Auditorium nicht von den Stühlen.

Nur war ein gebürtiger Steffenberger aus dem Hinterland, quasi ein echter Westdeutscher, mit von der Partie. Und der versicherte glaubhaft nach der recht drögen Veranstaltung unter dem Titel „Oktober – Schnittstelle und Übergang“: „Ich wäre am liebsten gegangen!“ Denn, immerhin, und darüber könne man ja nun nicht diskutieren, es wäre doch die Freizügigkeit gekommen. Von wegen Rechtschreibreform. Mauerfall! Freiheit! Quasi das Elysium.

Was wollen sie denn nur immer, diese querulanten Ossis?

In diesem Falle hier will ich den Ärger beschreiben über die verronnene, vermurkste und geklaute Chance. DIE Möglichkeit, aus einer totalitären Gefängnis-Kleingartenanlage namens DDR ein freies, buntes, tolerantes, soziales, militärisch neutrales, gerechtes und lustiges Land zu machen. Völlig aberwitzige Idee? Wenn man die Monate und Daten richtig sortiert, ist sie gar nicht so verrückt. Denn der Oktober 1989 ist etwas anderes als der 9. November.

Anfangs noch trug die friedliche Revolution Bart, Strickpullover und Tramper genannte Wildlederlatschen. Die Parolen: „Wir brauchen Reformen“, „Für Reformen und Reisefreiheit gegen Massenflucht – vor allem Frieden“ oder „Reisefreiheit – Meinungsfreiheit – Pressefreiheit“. Und natürlich „Wir sind das Volk“. Es gab unendlich viele Ideen, wie man diese DDR der alten bösen Männer mit den großen Brillen umgestalten könnte.

Jeder hatte etwas zu sagen an den Runden Tischen in den Städten. Die Selbsthilfegruppe der gehörlosen Schwulen und Lesben hat Vorstellungen zur Wende? Her damit. Die Opfer der stalinistischen Verfolgung in den 50ern wollen sich einbringen? Neben den tauben Homosexuellen ist noch Platz. Die Ärzte der Psychiatrie erheben Anklage und haben Reformpläne? Die Menschen aus Wolfen wollen gigantische Umweltverbrechen aufzeigen? Kommt alle. Der Vorteil runder Tische ist ihre schier unendliche Ausdehnungsfähigkeit – ohne Hierarchie.

Da saßen also zu Beginn der Wende die Intellektuellen, Ärzte, Umweltaktivisten, selbstgestrickte Kirchenmenschen, Künstler, Wehrdienstverweigerer und jungen Wilden zusammen. Es ging um Umgestaltungen, um Konföderation mit der BRD, den Dialog mit Moskau, die Vernichtung der Stasi, die Zusammenarbeit mit der Polizei. Sie waren mutig.

20130815-jueterbog-hospital--11-copy-copyDoch bevor sie alle so recht in Wallung kamen, die Sache organisierte Strukturen annahm und sich in Bewegung setzte, gab ein Mann ohne zu große Brille der DDR wie auch ihren Reformern und Revoluzzern den Todesstoß. Aus Versehen. Nebenher. Unbewusst. Politbüromitglied Günter Schabowski war zur Pressekonferenz am 9. November nicht ganz so gut sortiert. „Das tritt nach meiner Kenntnis… ist das sofort, unverzüglich.“ Sagte dies zu einer neuen Reiseregelung und verschwand. Es verschwand in den nächsten Tagen auch sein Volk kurzzeitig gen Westen. Unverzüglich.

Lambrusco, Südfrüchte, Westkaffee, BILD und Pornohefte

Tja, und die Revolution, die bestechliche und flatterhafte Dirne, trug ab sofort Schnauzbart, Stonewashed-Jeans, Schnapsflaschen, Deutschlandfahnen, Dauerwelle und Dosenbier. Ihre Lektüre: BILD und Praline. „Wir sind EIN Volk!“ hieß das plötzlich. Wer hat’s erfunden? Der Springer-Verlag natürlich. „Hellmud, Hellmud“, blökten die Dresdner im breitesten Sächsisch.

Denn Kanzler Kohl hatte die Gelegenheit sofort mit eisernem Griff am Kragen gepackt. Einheitskanzler! Und den in Deutschland seit 1941 erst heiß und nach 1945 kalt bekämpften Bolschewismus erledigen – welche Möglichkeit bot sich dem maximal bauernschlauen Pfälzer in diesen Tagen!

Wie dem Weihnachtsmann liefen die Ossis „Birne“ Kohl hinterher. Der hatte ja Geschenke. An Erniedrigung kaum zu überbieten, wie sich die Werktätigen benahmen. Aus Staatsbürgern, die ihr Land radikal verändern wollten, wurden Horden von Eingeborenen. Kolumbus fing diese 1492 mit Perlen und Spiegelscherben ein. 1989 erledigten das Bananen, Joghurt, Pornohefte, Drei-Liter-Flaschen Lambrusco und Westkaffee.

Zu Prügeleien kam es in den Massen vor den Lastwagen, von denen herunter die merkwürdigen Gestalten „beschenkt“ wurden. Und einem geschenkten Gaul guckt man nicht ins Maul. Auf diesem klapprigen BRD-Klepper, das war dem gelernten DDR-Bürger nun auch dank BILD und CDU völlig klar, reiten wir in die untergehende Sonne.

Die östliche und westliche Definition des Wortes Freiheit

Mit einem Schlag war alles vergessen, wofür die Bärte, Künstler und Intellektuellen auf die Straße gegangen waren. Reformen? Wende? Mut? Gestalten? Schnee von gestern. „Schlaaaand“ muss jetzt kommen. Endlich auch das kaufen, was man jahrelang in der Werbung im Westfernsehen gesehen hatte. Aus der Revolution wurde eine Erhebung der missversorgten Konsumenten. Unverzüglich.

Ich erinnere mich noch gut, als in meiner Heimatstadt Jena Norbert Blüm als Apostel der neuen Welt auftrat. Wir waren gegen die schlichte Übernahme des BRD-Systems. Und taten dies kund auf dem Marktplatz. Ganz wenige waren wir plötzlich zwischen den angetrunkenen Deutschlandfahnenträgern. Und mussten abhauen, weil die kritische Masse der Konsumenten uns verprügeln wollte. Zwei Wochen vorher waren wir noch Helden, wenn wir demonstrierend durch die Stadt zogen…

Es war vorbei. Innerhalb weniger Tage und Wochen. Warten auf Währungsunion und Einheit. Das war’s. Von Kreativität, Konföderation und Dialog wollte Kohl nichts wissen. Und die zornigen Konsumenten im Osten auch nicht.

Alle wollten nur eins: Freiheit. Dass sich hinter diesem Wort in Ost und West verschiedene Deutungen verbargen, war den Brüdern und Schwestern im Osten wohl nicht ganz klar. Sie dachten an Freiheit im Sinne von Nicht-Gefangensein. Der Westen dachte vorrangig an die Freiheit des Marktes.

Wie Heuschrecken zogen zuerst die Währungsbetrüger über die DDR. Sie parkten bei Strohleuten illegal getauschte Ostmark – um sie per Währungsunion in amtliche D-Mark zu verwandeln. Dann kamen sie alle: Die Gebrauchtwagenhändler zogen die Ossis über den Tisch, dass es eine Freude war. Herr Kaiser und seine Versicherungshökerer im Schlepptau. Monatelang liefen die DDR-Bürger flächendeckend mit Tchibo-Aufklebern auf ihren DeDeRon-Beuteln, Handgelenktaschen und sogar Kinderwagen rum. Denn wenn der Gewinnbote sie traf, bekam der brave Konsument ein Pfund Kaffee umsonst.

Jede noch so dämliche Kaffeefahrt machten sie mit und ließen sich betrügen. Faule Kredite, billigste Fertighäuser, Knebelverträge, windige Verkäufer und Ankäufer, leere Versprechungen, schlechte Reisen oder Immobilienspekulationen fanden dankbare Abnehmer. Das war doch die Freiheit. Die Freizügigkeit. Das Elysium.

Zeit für Experimente blieb keine. Kohl hatte es genau so eilig wie der raffgierige Markt und die würdelosen Ossis. Betriebskindergärten? Sozialistisches Teufelszeug. Kinderkrippen für ganz Kleine? Noch schlimmer. Wirtschaft und Betriebe im Osten? Entsorgungsreifer Schrott für die Treuhand. Fachleute? Ahnungslose Faulpelze. Gesellschaftliches Leben, Kunst, Kultur? Regelt der Markt. Alles regelte der Markt mit den Siegern der Geschichte aus Bonn im Rücken.

Eine neue gemeinsame Verfassung langsam und in Ruhe ausarbeiten? Über die deutsche Hymne nachdenken? Blockfreiheit? Militärische Neutralität? Die Gesellschaft gerechter machen? Weite Denklandschaften statt teutonischer Kleingartenmentalität? Dem Volk mehr Stimme geben? Die Macht des Kapitals in Frage stellen? Veränderungen überall?

Quatsch mit Soße. Wir machen so weiter, wie die BRD schon immer gewirtschaftet hat. Besitzstandswahrung. Relativer Wohl- und kreativer Stillstand.

Relativer Wohl- und kreativer Stillstand

Auf der Veranstaltung kürzlich in Moritzburg sagte Christoph Schulze von der Staatskapelle Dresden zur Frage, was sich denn nun so alles verändert habe seit der Wende: „Nicht so viel. Es geht nur mehr alles in Richtung Geld.“ Die Kleingartenanlage hat nun also keinen Gefängnis-Charakter mehr. Dafür die klaren Regeln von Monopoly.

Der große Wurf ist es nicht geworden 1989/90 im Osten. Die gesellschaftlichen Zwänge und Grenzen setzt nun nicht mehr das Regime. Geld, Markt, Neid und Angst vorm sozialen Abstieg erledigen das eh viel effektiver als Büttel und Zäune. Denn die Freiheit, die Freizügigkeit, muss man sich eben leisten können.

Okay, es hat sich ein bisschen was verändert seit der Rechtschreibreform…

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