Bunker bei Buderus-Röchling in Wetzlar (am Zementwerk)

 

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Bevor es um einen von mir befahrenen Bunker in Wetzlar geht, muss ich erst mal einen theoretischen Exkurs zum Thema machen.

Bunker sind ja so ein ganz spezielles Thema. Diese Bauwerke faszinieren die Menschen wie wenige andere Gebäude. In der Regel sind wohl es wilde Geschichten, die die Phantasie so arg beflügeln. Nun, gerade im Internet kann sich jeder, der im Besitz eines Aluhutes ist, mit seinen Geschichten bestens präsentieren. Was ich da schon für abstruse Märchen gehört habe… Da fährt von einer WWII-Muna aus auch jetzt noch täglich eine geheime U-Bahn nach Frankfurt. Im Jonastal stehen in unterirdischen Bunkern ganze Panzer-Kompanien mit laufendem Motor und warten auf ihren Einsatz. Das Bernsteinzimmer wollen wir mal nicht vergessen, das muss natürlich auch in einem Bunker liegen.

Und dann wird es ganz trivial: Eine Muna ist nichts anderes als eine Fabrik, in der Munition mit Sprengmitteln und Zündern versorgt und gelagert wurde. Ende, aus. Da stehen gern in großem Abstand Betonhäuschen zur Lagerung, eben Lagerbunker. U-Bahn nach Frankfurt, völlig klar. Und im Jonastal gab es den durch das Kriegsende gescheiterten Versuch, offenbar noch ein weiteres Führerhauptquartier von KZ-Häftlingen, die zu Tausenden starben, in den Berg treiben zu lassen. Mehr nicht.

Es hilft aber nix, seit meiner Kindheit ranken sich um zivile oder militärische Schutzbauwerke Mythen, die einem die Haare zu Berge stehen lassen (gerade im Osten sicherlich auch inspiriert durch den sowjetischen Märchenfilm „Das Geheimnis der Berghöhle“ von 1975, in dem Kinder einen Nazi-Panzer und derlei Zeugs unterirdisch entdecken).

Natürlich gibt es auch wirklich große Anlagen wie Marienthal oder Prenden. Mit Verweis darauf darf noch jede wahnwitzige Bunker-Theorie als machbar durchgehen.

Und wenn man dann drin ist, in Prenden oder in der Dienststelle Marienthal, was ist dann? Dann ist es wie immer in solchen Bunkern. Ich habe nun schon viele befahren. Und es bleibt jedesmal dabei: Sie sind meist eckig, kahl, feucht bis nass, dunkel, gern voller Schimmel und kalt. Ende. Aus fotografischer Sicht meistens völlig belanglos. In einem ABC-Bunker habe ich sogar ein kleines Studio für meine erotischen Produktionen. Auch hier bietet sich kein anderes Bild.

Trotzdem üben die Schutzbauwerke eine große Faszination aus. Was, wenn man nun als erster Mensch nach Jahrzehnten in einen Bunker kommt, der verschüttet und verschwunden war? Wie ist das Gefühl dann? Herzklopfen, Schätze, Bernsteinzimmer, Panzer? Nein. Es ist wie immer: kalt, nass, dunkel.

So geschehen in Wetzlar, als beim Abriss des Zementwerkes (Bilder dazu HIER) erst ein kleiner Schutzbau zum Vorschein kam. Und wenig später in der großen Halde an der Hermannsteiner Straße der Hauptbunker entdeckt wurde. Naja, das klingt erstmal sehr spektakulär. Hauptbunker. Im Kern reden wir von einer Luftschutzanlage, zwei Gängen, die in einem Kreuz liefen. Also von der Mitte her gingen vier Stollen so um die zehn Meter in die Halde rein.

Die Wände und Decken der ganzen Anlage waren mit Spritzbeton ausgekleidet. Die Deckschicht schien ein Witz zu sein: Offenbar war das wirklich nur die Halde mit Zeugs, was im Hochofen oder dem Zementwerk als Abfall anfiel. Wenn da ein Knallkörper draufgefallen wäre, hätte das Ding wohl nicht standgehalten. Aber wie das bei den Nazis so war: mehr fürs Auge. Der kleine Mann war sicherlich schwer beeindruckt, was ihm die Parteigenossen da für eine Trutzburg hingestellt haben.

Vergeltungswaffen aus Wetzlar

Nötig hatten Anwohner und Arbeiter der damaligen Röchling-Buderus-Werke wirklich sicheren Luftschutz allemal. Denn die Alliierten hatten die Werke natürlich im Blick und warfen Bomben ab. Sicherlich wussten sie es zu diesem Zeitpunkt noch nicht: Aber neben anderen Rüstungsprodukten bastelte Röchling unter anderem in Wetzlar an einer der legendären Geheimwaffen für das Dritte Reich: Die Vergeltungswaffe V3, auch Hochdruckpumpe, Tausendfüßler, fleißiges Lieschen oder Englandkanone genannt, sollte mit all den anderen vermeintlichen Wunderdingen die Wende im Zweiten Weltkrieg bringen.

Bislang sah eine Kanone so aus: Rohr, hinten dicht. Ganz hinten liegt Schießpulver und das treibt ein Geschoss vorn aus dem Rohr. Röchling wollte das nun anders machen: Ein ellenlanges Rohr, hinten dicht, hatte an der Seite in regelmäßigen Abständen schräge Stutzen, in denen Treibladungen waren. Das Geschoss wurde also auf seinem Weg durch das Rohr dauernd neu angefeuert.

Tolle Idee? Naja. Gewohnt größenwahnsinnig bastelten sich die Nazis am Ärmelkanal eine gigantische unterirdische Anlage, Mimoyecques, aus der heraus im Boden verlegte 140 Meter lange Geschützrohre von Buderus-Röchling London beschießen sollten. Dumm nur, dass sich in schrägen Schächten fest verlegte 140-Meter-Rohre weder in der Höhe noch in der Seite weit richten lassen.

Noch blöder, dass die Engländer gemerkt haben, dass da vor ihrer Haustür mal wieder was ganz mächtiges gebaut wurde. Eine träge, aber entschieden flexiblere Waffe als die Hochdruckpumpe setzte der Sache ein Ende: Per Bombenangriff wurde Mimoyecques so stark beschädigt, dass die Anlage aufgegeben wurde.

Nach dem kleinen Ausflug in die Welt der wunderlichen V-Waffen zurück zum Bunker in Wetzlar: An Schätzen befand sich bei der Erstbefahrung nach Jahrzehnten: ein verrosteter Eimer und ein vom Kalk festbetonierter Schuh.

Und die Erstbefahrung wurde auch die Letztbefahrung: Denn vor dem Loch in der Halde, durch welches man in den Bunker kam, standen die Arbeiter und der laufende Bagger. Dawai, dawai: Wenige Minuten nach dem Besuch wurde das Bauwerk in der Halde abgetragen. Ikea will dort bauen, Eile ist geboten.

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