Leica Camera AG: Jubiläum und Umzug nach Wetzlar 2014

 

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Nun ist ein Jahr vorbei, nachdem ich für die Zeitungsgruppe Lahn-Dill eine Beilage zur Leica Camera AG fotografiert habe. Es ging um runde Geburtstage der Leica an sich und des Leica M-Systems sowie den Umzug der Firma zurück nach Wetzlar. Ich habe mal einen Querschnitt der Arbeiten aus der Datenbank gelassen. Sonst verstauben sie dort. Es sind Aufnahmen aus dem Archiv der Firma, der Produktion, der Customer Care genannten Reparaturwerkstatt, vom Neubau, aus der Leica Akademie und von der Ur-Leica dabei. Spannende Menschen vor der Kamera waren etwa der Nachfahre von Ernst Leitz, Knut Kühn-Leitz, Leica-Koryphäe Günter Osterloh, die Leiterin der Leica Galerien Karin Rehn-Kaufmann, Chef-Einkäufer Uli Weigel, der damalige Vorstandsvorsitzende Alfred Schopf, Mehrheitsaktionär Andreas Kaufmann, Akademie-Leiter Udo Zell oder Objektiv-Entwickler Peter Karbe.

Aber wie kam es eigentlich zu diesem Hype, der Leica mittlerweile so ähnlich aussehen lässt wie Apple? Nobel, teuer und irgendwie elitär?

Fotografie hatte lange Zeit recht wenig gemein damit, was wir heute darunter verstehen. Heute nehmen wir das Smartphone aus der Hosentasche und drücken ab – fertig.

Insbesondere die Technik in den Anfangsjahren war doch eine beschwerliche Sache. In der Regel wurden in ziemlich schwere Holzkästen, in die vorn ein Objektiv eingebaut war, Glasplatten mit einer fotografischen, also lichtempfindlichen Beschichtung, eingesetzt. Diese Platte nahm fing das Bild ein.

Bis man aber erstmal diesen Kasten nebst nötigem Stativ an Ort und Stelle geschleppt hatte, waren schon Zeit und Mühe genug verpulvert. Dann musste ohne jeden Kontakt mit dem herrschenden Tageslicht die Platte eingelegt werden. Und dann wurde es ernst: Die Situation vor der Kamera durfte sich ziemlich lange nicht verändern. Denn die Belichtungszeiten für diese Platten war relativ lang, bis zu 30 Sekunden waren durchaus drin. Begrifflichkeiten wie „unterwegs“, „schnell“ oder „auf Reisen“ konnte man mit dieser Form der Fotografie schlecht verbinden.

Da waren die Kollegen vom bewegten Bild, die Kino-Filmer, um 1900 herum schon entschieden weiter: Sie hatten die lichtempfindliche Schicht auf eine schmale Rolle gebracht und kurbelten diese Filmrolle an Objektiv und Verschluss ihrer Kameras vorbei. Viele kleine Bilder wurden hintereinander auf diesen Film gebannt und ergaben nach dem Entwickeln des Films und bei der Projektion dann eine „Bewegung“.

Trotzdem mussten sie sich mit der eigentlichen Fotografie, quasi dem Standbild, auch auseinandersetzen. Denn mit einem solchen Bild beurteilten sie das Licht an ihrem Filmset, um ihre Kameras richtig einzustellen. Und so mussten sie in diesem Fall auch wieder zu einer fetten Holzkiste greifen und die Platte musste umständlich abseits von der Filmrolle entwickelt werden. Mit dem Ergebnis, dem Foto von ihrem Set, sahen sie dann, ob sie ihren Film richtigen belichteten.

Was für Umstand! Ein Schnipsel von so einer Filmrolle würde ja auch reichen, um ihn zu entwickeln und zu beurteilen. Aber dafür müsste man die Rolle aus der Kamera nehmen, in absoluter Dunkelheit ein Stück abschneiden – wieder ein ganz schönes Gefummel.

Was hat das nun alles mit Wetzlar und Leica zu tun? Schließlich stellte an der Lahn Ernst Leitz damals Mikroskope her, hatte mit Kameras eigentlich nix am Hut. Aber Leitz beschäftigte einen genialen Tüftler. Der Feinmechaniker Oskar Barnack hatte von der Umstandskrämerei der Kino-Leute gehört und machte sich 1913/14 an die Lösung.

Und die war genial wie einfach: Einen „Teststreifen“ des 35-Millimeter-Films vom Kino rollte Barnack auf und steckte ihn in eine kleine Patrone. Und drumherum bastelte er sich eine kleine Kiste, vorn drauf eine Optik, dann kam ein Verschluss und dahinter ließ sich der Film aus der eingelegten Patrone Bild für Bild transportieren. Zum Schluss wurde der Film wieder in die Patrone gespult.

Fertig war ein Gerät, um fix mal ein paar Bilder zu machen und locker diese neuartige Filmpatrone auch im Licht wechseln zu können. Barnack hatte damit die Ur-Leica konstruiert und gebaut.

Leica Ia wurde ein voller Erfolg

Seine Tüftelei erwies sich als etwas anderes als nur ein Belichtungs-Testgerät für Filmschaffende. Barnack schraubte in Wetzlar noch etwas an seiner Maschine herum und nahm das Kästchen sogar auf eine Reise nach New York mit. Die Kamera zum mit Mitnehmen war geboren.

Denn schnell wurde klar: Von den Kleinbild-Negativen lassen sich mit einem Vergrößerer ganz ordentliche Abzüge herstellen.

Bis Barnacks Erfindung die Welt der Fotografie völlig auf den Kopf stellen konnte, brauchte es aber noch Geduld. Erst im Jahr 1924 entschied Ernst Leitz II., dass Barnacks Kamera in Wetzlar gebaut werden sollte. Die Leica Ia wurde ein voller Erfolg. Es entstand die Art der Fotografie, die wir kennen.

Schnell kamen weitere Objektive für die Kamera, die nun für die Optik ein Schraubgewinde bekam – die Schraubleica war geboren. Damit der Abstand zum Motiv nicht mehr geschätzt werden musste, bekam die Leica nach dem Zweiten Weltkrieg von Leitz in Wetzlar einen Messsucher verpasst. Damit und einem Bajonett- statt Schraubanschluss war die Leica M geboren. Sie wird bis heute in Wetzlar digital wie auch für Filme gebaut.

Und lange waren Kameras aus Wetzlar die Messlatte. Da konnten sich die Japaner anstrengen und tolle Apparate mit tollen Gläsern bauen – ohne roten Punkt war das für viele „Experten“ alles nur halb so gut.

Klar ist: Die Optiken von Leica sind zum großen Teil über jeden Zweifel erhaben. Sie gelten in Auflösung und Abbildung als Spitzenklasse.

Ob aber die Idee von Leica, dass man mit dieser Kamera „bessere“ Bilder macht, so stimmt, sei dahingestellt. Hersteller, Verkäufer und Kunden eines Staubsaugers für 1000 Euro werden auch alles tun, um die Welt von einem so teuren Kauf zu überzeugen. Ähnlich scheint es mir bei Leica auch zu sein.

Selbst in Zeiten der Digitalfotografie ist es ja möglich, mit einer guten Kamera völlig manuell zu arbeiten, in Ruhe (auch manuell) zu fokussieren und so weiter. Also Dinge, die angeblich nur mit einer Leica gehen.

Ich will die Qualität der Leica aus Wetzlar keinesfalls in Abrede stellen. Aber ein Muss für gute Fotografie ist es wohl nicht. Es sei denn, man hängt der reinen Lehre der vermeintlichen Eliten der Fotografie nach, in der jede Randabschattung, jede Verzeichnung und jede Art von Automatik/Hilfsmittel verabscheuungswürdig ist.

Leica ist nicht mehr das Maß der Dinge

Nun, Leica lehrte von Wetzlar aus einst den Herstellern von Box-, Balgen- und Plattenkameras das Fürchten. Heute machen andere das gleiche mit der elitären Marke aus Wetzlar mit dem roten Punkt: die Handyproduzenten. Noch 2014 stellte der damalige Vorstandsvorsitzende Alfred Schopf im Gespräch mit mir klar, dass man mit Handys niemals sinnvoll fotografieren könne. Ähnliche Worte wählte in den 20ern die Konkurrenz von Leica zu der kleinen Kamera aus Wetzlar…

Während Schopf dies kundtat, befanden sich schon Millionen mehr oder weniger qualitativer Handybilder zum Beispiel auf Instagram.

Wenn das Dogma sein sollte, dass nur mit einer Leica gute und technisch perfekte Bilder gelingen, sind die Handybilder allesamt Müll. Wenn Fotografie das gefühlvolle Einfangen eines Augenblickes oder einfach Kunst und persönlicher Ausdruck ist, sieht die Sache schon ganz anders aus.

Dafür braucht niemand eine Kamera für 5000 Euro ohne Objektiv. Die Wetzlarer scheinen es kapiert zu haben: Sie sind – genau wie Apple – einfach nicht mehr das Maß der Dinge.

Und prompt liefert Leica seit Anfang 2016 einem der bislang ausgelachten Handyhersteller die passende Optik für ein Smartphone…

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