Verfall – Lost Places

 

Lost Places, Geschichtsspuren, verfallene oder verlassene Orte, marode Straßen, Zivilisationsspuren und Ruinen haben einen ganz besonderen Reiz. Hier kann man etwa relativ ungestört schauen, oft unberührte und echte Lebenswelten einfangen. Das Vergnügen heißt mittlerweile ja auch Urban Exploration – kurz Urbex.

Sonst wird dem Fotografen ja gern ein Aufpasser zur Seite gestellt, der genau darauf achtet, dass man nur die extra aufgeräumten Orte ablichtet, es wird inszeniert, geputzt und gestellt.

Fotografie an Lost Places bedeutet hingegen, Authentizität vorzufinden. Und natürlich hat es einen Reiz, an Orten zu sein, wo mehr oder weniger wichtige Dinge der Zeitgeschichte passiert sind.

Allerdings wird einem dort dann auch immer wieder klar gemacht, wie profan die Welt ist. In einem Bunker in Hessen, der voller Atomwaffen der Nato war, ist es wie in jedem anderen Bunker auch: kalt, feucht, dunkel, grau und eigentlich furchtbar langweilig.

Der Reiz von „geheim“, der bei vielen Menschen Neugier auslöst, entuppt sich dann in der Regel als schlichtes Bauwerk. Gerade militärische Lost Places der Nachkriegszeit sind an Langeweile schlecht zu überbieten. Doch, einmal waren wir in einem wirklich riesigen verlassenen Krankenhaus in Sachsen und haben nicht eine einzige Fotografie mitgebracht.

Und von meinem jetzigen Standort in Hessen/Mittelhessen aus muss man meist eine größere Reise unternehmen. Jeder Lost Place, jede Ruine, jedes verlassene Gebäude gilt hier als Schandfleck und wird sehr schnell beseitigt.

Nach jeder Tour bleibt vor allem im Gedächtnis haften, dass wir Menschen in unserem Dasein eigentlich verdammt unwichtig sind. Wenn man sieht, wie sich Brombeeren, Moos und Farn in die einst ach so wichtigen Gebäude arbeiten, die für viele Menschen sogar Lebensmittelpunkte waren, kann man ein bisschen an den eigenen Maßstäben der Bedeutung des Daseins und der Dinge arbeiten. Von daher bieten die Lost Places in diesem Hobby Urbex einen sehr spannenden philosophischen Ansatz.

In der Fotografie frage ich mich manchmal, warum ich nicht einfach belebte Orte besuche? Will sagen: Ein verlassenes Haus zu begehen, bringt manchmal die gleichen Ergebnisse wie ein belebtes Haus. Da stehen auch alltägliche Dinge rum, ganz normal eigentlich. Wie beim Nachbarn. Nun, der will sicherlich keine Fotografien seiner Rumpelbude. Und außerdem fehlt dem Fotografen wohl auch der Kitzel des Verbotenen, wenn er einfach klingelt statt mit dem Wachschutz Katz und Maus zu spielen wie beim Urbex.

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