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Reimund Schwarz, Fotografie, Wetzlar

Altglas vorm Sensor

Die Schlagworte bei ebay sind "Bokeh-Monster", "1958 !! Lichtstärke" oder "15 blades! EKSKLUSIV TOP": Ich gebe zu, dass ich durchaus auch die eine oder andere alte Linse an digitalen Kameras probiert habe. Heute kann man per Adapter ja auch alles an die verschiedensten Kameras schrauben - M42, PK, Canon FD oder Exakta sitzen für wenig Geld an den Bajonetten der Systemkameras und auch vieler DSLR.

Ich muss aber ehrlich sagen, dass mich die Ergebnisse nie vom Hocker gehauen haben. Insbesondere am Vollformat-/Kleinbild-Sensor war das irgendwie nix.

Zuerst fallen die sogenannten chromatischen Aberrationen auf. Das sind an Kanten, besonders gern im Gegenlicht, entstehende Farbsäume. Meist lilafarben oder in Türkis, aber auch alle anderen Farben hatte ich schon. Mein Gefühl ist, dass sie mit alten Objektiven an modernen Sensoren weit häufiger auftreten und stärker sind - insbesondere, wenn man nicht sehr stark abblendet. Gut, meist kann man sie beim Entwickeln der RAWs entfernen. Aber man muss ein Auge darauf haben.

Gerade bei Gegenlicht entstehen auch andere Fehler, die bei Anspruch auf Qualität ärgerlich sind. Hier mal ein stark ausgeschnittenes und in der Klarheit angehobenes Bild mit einem alten Tokina 28mm/2.8 für PK/Pentax-Mount bei Blende 8 am APS-C-Sensor. Das selbe Motiv mit einem modernen Weitwinkel an der gleichen Kamera auf dem Stativ eine Minuten später zeigt keine solchen blauen Lichteffekte.

BildfehlerTokina 28mm/2.8 für PK-Mount am APS-C-Sensor

Meist werden die analogen Objektive gekauft (und vor allem sehr teuer verkauft), weil das eine oder andere mit Blende 1.7, 1.4 oder 1.2 aufwartet und so eine Schärfenebene von wenigen Millimetern erlaubt.

Da erzielen 1953 von Gulaghäftlingen aus einem Stück gefeilte und mit Glas aus der Wodkaflaschenfabrik versehene Objektive aus der Sowjetunion Preise, die den ehemaligen Devisenbeschaffern der Ostblockländer Tränen in die Augen treiben würden - weil irgendein Guru im Fratzenbuch oder bei Instagram den Menschen den Floh ins Ohr setzt, das sei der absolut heiße Scheiß. Tja, und das Web funktioniert eben so. Wenn der Gott mit 400.000 gläubigen Followern das sagt, dann muss es ja gut und 400 Euro wert sein.

Aber diese manuellen Teile werden eine echte Herausforderung, wenn bewegte Menschen oder Tiere ins Spiel kommen. Bei Offenblende trotz Fokus-Peaking/Kantenanhebung oder Fokus-Lupe in der natürlichen Bewegung - etwa des gestikulierenden Interviewpartners - noch eine sinnvolle Schärfe reinzubekommen, ist fast unmöglich. Da ist dann durch eine fast nicht wahrnehmbare Bewegung des Kopfes die Nasenspitze scharf und die Augen schon nicht mehr.

Also für die Reportage-Arbeit oder mit beweglichen Models sind die manuellen Scherben in der Offenblende nicht gut zu gebrauchen. Es sei denn, man hat Chloroform für die Protagonisten dabei. Dann klappt's.

Und in den ruhigeren Gefilden der Fotografie bleiben die Linsen bei mir auch hübsch auf den analogen Kameras. Dafür sind die alten Objektive gerechnet und gebaut, dort machen sie einen guten Job und erfreuen die Silbersalze auf dem Film. Statt den Sensor, der auf ganz anders ausgerichtetes Licht hin konstruiert ist, zu verwirren.

Was aber nun nicht bedeutet, dass es schlimm ist, für analoge Kameras respektive Filme entwickelte Objektive an die Digitalkamera zu adaptieren. Nur: Wer auf Qualität steht, wird dabei eben nicht sehr glücklich werden.

Wer hingegen künstlerischen Spaß an "Charakter" mit manchen schrägen Fehlern und Abbildungsleistungen hat, soll natürlich diese Art der Fotografie pflegen. Ich liebe ja auch abgelaufene Filme. Aber für qualitativ hochwertige Arbeiten oder gar Aufträge ist das natürlich nix.

Warum das mit den Altgläsern so ist und der Hype sowie die gezahlten Preise für die alten Objektive an digitalen Kameras wissenschaftlicher Kokolores sind, erfahrt Ihr hier bei S. Schüngel, gewohnt vertiefend und gut recherchiert:
Analoge Fotografie: Alte Objektive an modernen Kameras - Der ultimative Guide