Essay zur Lage in Ostdeutschland: Bauernland in Junkerhand!

Nun, die Zeit ist offenbar reif für klare Worte. Bislang gab es die Schelte für den Osten hinter vorgehaltener Hand. Jetzt wird im Westen formuliert: „Bananenrepublik Sachsen“ oder „Sachsen hat es nicht verstanden“. Wer hat in „Dunkeldeutschland“ das Licht ausmacht?

Dass der Selbstmord des Terrorverdächtigen Dschaber al-Bakr in einem Leipziger Knast kein Glanzlicht werfen würde, ist klar. Was dann aber für eine Wortbrühe über dem ganzen Bundesland ausgekippt wurde, lässt vermuten: Da reicht es wohl westdeutschen Medien und Politikern. Nach den imageschädlichen – weil lauten – Pegida-Fritzen nun auch noch dieser Selbstmord. Bekommen die drüben überhaupt etwas hin?

Schauen wir einmal genau so pauschalisierend, wie es Medien mit dem Osten gern tun, auf die Wiedervereinigung.

Blättert man zurück in der Geschichte, haben die Ostler eine ganze Menge mehr hinbekommen, als der Wohlfühlwessi wahrhaben möchte. „Auferstanden aus Ruinen“ – dieser Textbeginn der DDR-Nationalhymne, ist nicht von der Hand zu weisen. 1945 zerrten die US-Truppen, die einige Monate lang Thüringen und Sachsen besetzt hielten, aus den Trümmern alles heraus, was Profit für die USA und Schaden für die Sowjetunion bedeuten könnte.

Blühende Landschaften: Abgewickelter Betrieb in Weißenfels

Blühende Landschaften: Abgewickelter Betrieb in Weißenfels

In Jena etwa fuhren Lkw-Kolonnen die Maschinen, Konstruktionsunterlagen, Werkstücke und sogar die Ingenieure und Fachleute von Carl-Zeiss und Schott nebst Kind und Kegel in die amerikanische Zone.
Die Russen nahmen sich den Rest. Ganze Betriebe, Anlagen, Eisenbahnstrecken, Rohstoffe und vieles mehr gingen aus der sowjetisch besetzten Zone (SBZ) in die UdSSR. Als nix mehr zu holen war, verlegte sich Moskau auf Abgaben aus der mickrigen Produktion. Mindestens 14 Milliarden Dollar (Preise von 1938) gingen so bis 1953 in die Sowjetunion. Während die Westzonen mit Dollar-Milliarden aufgepeppelt wurden, sollten die Besiegten in der SBZ richtig bluten für Krieg und Massenmord der Deutschen.

1989/90 erwischte die in ewigem Mangel, totaler Militarisierung und Überwachung herumwurschtelnden DDR-Bürger der nächste Sieg: Der Kapitalismus hatte den Sozialismus Moskauer Prägung endgültig in die Pleite gerüstet, gehandelt und propagiert. Auch die Ostler selbst gingen auf die Straße, hatten die Schnauze voll vom starren System, geschlossenen Grenzen, leeren Läden und am Rande des Zusammenbruchs arbeitenden Betrieben. Da lässt man sich doch gern besiegen.

Sie hätten es ja aus der eigenen Historie erahnen können, dass Besiegtsein kein schönes Gefühl ist – und der Tribut irgendwie gefordert wird. Aber ähnlich den Ureinwohnern diverser Landstriche ließen sie sich komplett blenden. Statt Spiegelscherben und Glasperlen wie bei Kolumbus gab es nun den Weihnachtsmann Helmut Kohl, der in seinem Sack die einzig wahren Gaben mitbrachte: Markt und Mark der Bundesbank.

Gleich einem Tornado auf einem der Wohnwagenplätze des Prekariats in Florida tobte der Zauberbesen Markt durch die DDR in Auflösung. Fassungslos und anfangs fasziniert vom Bling-Bling sahen die Ostler zu, wie der Markt keinen Stein auf dem anderen ließ. Kinderkrippen? Kommunistisches Teufelszeug. Betriebskindergärten? Dito. Die Betriebe? Schrott. Produkte? Dito.

Genossenschaften? Schulspeisung für 35 Pfennige? Theater in Kleinstädten? Jugendclubs? Billiger Nahverkehr bis ins letzte Kaff? Die schicken Neubauwohnungen für 72 Markt Miete? In jedem Dorf ein Konsum mit Brötchen für fünf Pfennige? Polizisten – gefühlt – an jeder Ecke? Kostenlose medizinische Versorgung in Staatshand? Überhaupt: Staat? Daran, das wurde dem „Zonendödel“ fix klargemacht, ist euer Land verreckt. Weg mit all dem Kram! Der Markt wird das alles richten. Nun, es wurde eine Hinrichtung. Angeblich gab es keine Alternative.

Noch schlimmer als die Zertrümmerung ihres gesamten sozialen, kulturellen, gesellschaftlichen und erwerblichen Umfelds dürfte die psychologische Komponente die dumm aus der Wäsche glotzenden Zauberlehrlinge jenseits der Elbe getroffen haben. Angefangen hat es mit blöden Witzen. Und dann das Geheule über die kaputten Straßen, die nicht schicken Fassaden und Vorgärten. Begriffe wie „Dunkeldeutschland“ und „Fünf teure Länder“.

Mehr oder weniger subtil wurde den „Ossis“ klargemacht: Alles, was Ihr gemacht habt, war Müll. Eure Arbeit braucht kein Mensch. Wenn Ihr überhaupt gearbeitet habt. Das waren doch alles nur Gammeljobs; Faulheit überall. Eure „Errungenschaften“ und Auszeichnungen sind nicht mehr als für einen Witz gut. Über Mode und Frisuren wollen wir gar nicht reden.

Erinnerungen ans Ferienlager? Wie lustig. Partys mit der Brigade? Ulkig. Überhaupt alles sehr pittoresk und unverständlich. Eure Erlebnisse, Eure Geschichte(n) will keiner wissen – wenn es nicht was mit Stasi-Opfern zu tun hat. Wir haben Euch nicht bestellt. Und wir brauchen Euch nicht.

Zusammengefasst könnte man sagen: Hier lächelt auch heute noch – mal nett und irgendwie verunsichert wie der Besucher eines Waisenhauses im Busch, mal großspurig wie ein siegreicher Krieger – eine sich reicher und besser fühlende Gruppe. So etwas nennt man Chauvinismus. Und ist solch ein Verhalten nach dem „Kategorischen Imperativ“ Kants eine Maxime, von der Menschen wollen, dass es ein allgemeines Gesetz wird? Die Antwort erübrigt sich.

Da bekamen die DDR-Bürger dann ab 1991 den Mund vor Staunen gar nicht mehr zu über das, was ihnen geschah. Gewünscht hatten sie sich wohl eine Art offene DDR ohne ideologischen Budenzauber – dafür mit einer humanen und sozialen Marktwirtschaft. Aber der Zauberbesen wollte nicht ruhen. Der nächste Schritt: Abwicklung.

Der Geheimdienst-Oberst fand sich an der Tankstelle wieder, wo er die verantwortungsvolle Aufgabe des Vorwaschens übernahm – und dafür dankbar sein sollte. Die Chefin der Volkssolidarität, eine der Arbeiterwohlfahrt ähnliche Organisation, verkaufte Dildos. Dem Chirurgen sollte die Professur aberkannt werden, weil er für die nur durch den Mauerfall besiegte Volksarmee Vorlesungen in Militärmedizin abgehalten hatte. Plötzlich gab es überall Täter im Osten. Ganz egal, ob sie eine Tat begangen hatten. Sie waren dabei, hatten irgendeinen der unzählbaren Posten im System DDR.

Nun wollen wir an dieser Stelle nicht zu intensiv drauf eingehen, wie im Westen mit solchen Menschen umgegangen wurde. SS-Sturmbannführer Wernher von Braun etwa baute den USA Raketen, Wehrmachts-Generalmajor und Spionage-Experte Reinhard Gehlen durfte den BND auf die Füße stellen. Ein weiches Polster statt der Müllhaufen der Geschichte – auch für Pädagogen, Wissenschaftler oder Beamte. Ein Schelm, wer meint, Nationalsozialisten seien wohl wertvoller gewesen als später die Realsozialisten aus der DDR.

Es blieb nicht bei politisch irgendwie anrüchigen Leistungsträgern. Sprach- und haltlose Eltern und Lehrer wurden zu Witzfiguren. Polizisten hatten keine Ahnung mehr, was sie denn tun sollen, dürfen oder müssen. Facharbeiter wurden in Regimentsstärke auf die Straße gesetzt. Unbrauchbar. Und das nicht nur für eine kurze Zeit.
Die für die Mehrheit so wichtigen Autoritäten, Ordnungen, Strukturen und Vorbilder flogen auf den Müll. Wie auch abertausende Bücher, Betriebe, Einrichtungen des gesellschaftlichen Lebens oder der Freizeit. Eine gewisse Verrohung hielt stattdessen Einzug.

Das Vakuum füllten neben einigen redlichen Vertretern des Marktes dann Versicherungsheinis, Betrüger jeder Couleur, Zuhälter, Wirtschaftskriminelle, Auto- und Drogendealer, Immobilienverhökerer, Gschaftlhuber, Spekulanten. Verbrecher aus ganz Europa erfreuten sich an den vertrauensseligen Ossis, ungesicherten Sparkassen, Geschäften und Wohnungstüren. Die führungslose Polizei war eher damit beschäftigt, ihre Reihen von all den Tätern zu säubern und sich westlich zu organisieren.

Nun wäre es eine gesamtdeutsche Aufgabe gewesen, sich in diesem von allerlei Ungeist, Unsicherheit und Brutalität des Geldes gefüllten Raum zu begeben und schnell für Stabilität und Nestwärme zu sorgen. Dies tat man aber höchstens halbherzig. Der westdeutsche Beamtenapparat und die Justiz wurden fix mit Westimporten nachgebastelt. Politiker, Polizeichefs, Dekane und professionelle Abwickler folgten.

Die eine preußische Ordnung, den allgegenwärtigen Staat und gegenseitige Hilfe (oder Überwachung, je nach Standpunkt) gewohnten Menschen, diese schwer zu definierende, konventionelle und recht sprachlose „Masse“, überließen Politik, Medien und westdeutsche Gesellschaft den Spielbällen Markt, Geld, Eigentum und Arbeitsamt. Da wurden wissenschaftliche Mitarbeiter abgewickelter Institutionen zum Beispiel sechs Mal zu den blödsinnigsten Jobs umgeschult, bis sie schlussendlich als ABM-Kraft Parkbänke strichen. Aus der Statistik waren sie raus. Alles gut.

Würde man im Osten alle Frührentner, Umschüler, ABM-Kräfte und durch andere „Maßnahmen“ getarnte Menschen ohne Job schlicht als arbeitslos registrieren, wären die Zahlen unfassbar. Nicht zu reden von all denen, die Sonntagabend die Autobahnen in den Westen verstopfen, um hier preiswert ihre Haut zu (Arbeits-)Markte zu tragen.

Trotzdem sollen sie dankbar sein, diese Ossis. Haben sie doch neue Straßen bekommen. Und Innenstädte wurden saniert. Überhaupt: Das „ganze Geld“, so spricht der Stammtisch (der heute Facebook heißt) gern, ist doch „zu denen da drüben“ gegangen. Dass auch jeder Ostdeutsche Solidaritätszuschlag bezahlt, ist hier weitgehend unbekannt. Und dass man von fein gepinselten Innenstädten und Autobahnen nicht leben kann, scheint unvorstellbar.

Die „Masse“ denkt nicht strategisch, geopolitisch, ökonomisch und ökologisch. Das Hemd ist ihr näher als der Rock. Was hat also ein in der DDR relativ integrierter Mensch vom brutal zusammengezimmerten „Schland“ ganz konkret und persönlich? Sehr oft: ein Westauto, überquellende Supermärkte und die Möglichkeit, die Welt zu bereisen – soweit das einem zum Grünanlagenpfleger „qualifizierten“ Anlagenfahrer aus der deindustrialisierten Uckermark mit seinem Skoda möglich ist.

Ob das reicht, sich anerkannt und gebraucht zu fühlen? Denn gebraucht wurden sie ja alle in der schönsten DDR der Welt. Allein dieses Gefühl, dazu zu gehören, sich an oft altmodische Konventionen zu halten und gelobt zu werden, stiftete Identität und war – damals oft unbewusst – für viele wichtiger als üppiger Besitz.

Die, die ihre Identität wohl leichtfertig dem für sie unbeherrschbaren Markt opferten, haben sich über die Jahre – von Politik und Medien ignoriert – neue Übereinstimmungen geschaffen. Eben solche, die entstehen, wenn man sich betrogen, sein Vertrauen missbraucht, ignoriert, lächerlich gemacht, unverstanden oder ausgenommen fühlt. Solche Menschen ziehen sich in Gruppen Gleichgesinnter oder -geschädigter zurück und hegen ob all ihrer Erfahrungen vor allem Vorurteile, Ängste, Aggressionen. Nietzsche nennt die „Psychologie des Ressentiments“ eine „Selbstvergiftung durch gehemmte Rache.“

Sicher lässt sich vieles relativieren. Aber das Gefühl des Aussätzigen klebt einem wie Hundescheiße am Hacken. Es sind auch die vielen kleinen chauvinistischen Bösartigkeiten, die dann letztlich böse machen. Sprach doch vor nicht allzu langer Zeit ein bildungsbürgerlich-arroganter Fatzke, Chefredakteur einer Tageszeitung, beim abendlichen Bier: „Da drüben, das gehört alles wieder so wie vor 45: Landwirtschaft und in Sachsen ein bisschen Industrie. Das war nie mehr und wird es auch nicht werden.“ Er meinte es ernst.

Ehe es vergessen geht: In Deutschland haben sich schon einmal sogar mehrere Terroristen im Gefängnis selbst getötet. In Stuttgart-Stammheim, 1977. Merkwürdigerweise gab es damals keine Rücktrittsforderungen an Politiker oder andere Zuständige. Und Baden-Württemberg wurde nicht als Bananenrepublik deklariert.

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